Die "Pille danach": Ist sie Fluch oder Segen?

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    • Die "Pille danach": Ist sie Fluch oder Segen?

      15.3.2015
      Die "Pille danach": Ist sie Fluch oder Segen?

      Ab Montag gibt es sie auch ohne Rezept: die Pille danach. Ein Segen und mehr Selbstbestimmung für Frauen – oder ein einfacher Weg, um sich vor vorausschauender Verhütung zu drücken? Das Thema spaltet Kirche, Ärzte und Beratungsstellen seit Jahren. Jetzt hat die EU ein Zeichen gesetzt und die Verschreibungspflicht aufgehoben. Die wichtigsten Fragen im Überblick:

      Ist Deutschland Vorreiter?

      Keineswegs! Nur Italien und Polen verlangen in der EU neben Deutschland noch ein Rezept. Selbst im katholischen Irland ist die SOS-Sex-Pille längst rezeptfrei erhältlich. Denn auch dort hat man sich dem Standpunkt angeschlossen, dass es sich um eine Notfallverhütung und keine [lexicon]Abtreibungspille[/lexicon] handele.

      Was sagt die Kirche?

      Ist dagegen, aber mit Einschränkungen. Wir erinnern uns: Vor zwei Jahren wurde einer vergewaltigten Frau in Köln die Pille danach in zwei katholischen Krankenhäusern verwehrt. Mittlerweile billigen die katholischen Bischöfe in Deutschland die Verhütungspille zumindest nach einer [lexicon]Vergewaltigung[/lexicon].

      Wie sicher ist die Pille?

      Sie ist nicht so sicher wie die Antibabypille oder ein [lexicon]Kondom[/lexicon], kann Nebenwirkungen wie [lexicon]Kopfschmerzen[/lexicon] und Übelkeit verursachen. Außerdem darf sie in einem [lexicon]Zyklus[/lexicon] nur einmal eingesetzt werden, danach muss immer noch ganz normal verhütet werden. Bei häufiger Anwendung und Übergewicht ist sie selbst bei rechtzeitiger Einnahme unsicher.

      Werden wir beim [lexicon]Sex[/lexicon] leichtsinniger?

      Das Beispiel Norwegen gibt Kritikern zu denken: 1997 griffen gerade mal 5.000 Frauen zur Notfall-Pille, nach der Freigabe 2001 waren es 70.000, sechs Jahre später 150.000. Andere Länder, wie unsere Nachbarn in Österreich, vermelden indes keine extremen Anstiege.

      Sind Apotheker vorbereitet?

      "Ja, natürlich", sagt Fatima Mellouk-Römers (45), die seit 19 Jahren in der Syring-Apotheke in Köln arbeitet. "Meistens wird die Pille danach doch nachts verlangt, zum Beispiel in der Karnevalszeit. Da können wir Apotheker besser und ruhiger aufklären als ein Ambulanz-Arzt."

      Reibt die Pharmaindustrie sich die Hände?

      Mit Sicherheit. Rund 400.000 mal wurde die Pille danach hierzulande bisher jährlich verordnet - in knapp einem Drittel an Frauen unter 20 Jahren. HRA-Pharma-Geschäftsführer Klaus Czort: "Wir wissen aus ähnlichen Situationen in unseren Nachbarländern, dass der Absatz der Pillen steigen wird. Wir rechnen mit einem Anstieg der Verkäufe um 50.000 bis 100.000 mehr Tabletten allein in Deutschland."

      Was kostet die Pille?

      Ab Montag kann man hierzulande rezeptfrei zwischen PiNaDa mit dem bewährten [lexicon]Gestagen[/lexicon] Levonorgestrel (18,33 Euro, muss binnen 72 Stunden eingenommen werden) und der noch nicht so durchgetesteten EllaOne (35,72 Euro, verzögert fünf [lexicon]Tage[/lexicon] den Eisprung) entscheiden. Ärzte und Apotheker raten indes bei beiden Präparaten, so schnell wie möglich zu handeln.

      Pro: "Bei der Pille danach zählt jede Stunde"

      Gabrielle Stöcker (45, pro familia): "Wir von pro familia haben seit Jahren darum gekämpft, dass die Frauen einen möglichst raschen und niederschwelligen Zugang zur Pille danach bekommen. Und nein, das ist und wird kein Freifahrtschein für Frauen, die keine Lust auf Verhütung haben, sondern eine Notfallverhütung für Frauen, denen ein "Unfall" passiert ist - meist ein geplatztes [lexicon]Kondom[/lexicon] oder die Pille wurde vergessen - und dann zählt nun mal jede Stunde.

      400.000 Frauen mussten 2014 alle Hebel in Bewegung setzen, um an ein Rezept zu gelangen. Denn in der Realität ist es oft schwer, an die Pille zu kommen, nicht nur in entlegenen Ortschaften, wo man nachts einen Arzt aus dem Bett trommeln oder weite Anfahrzeiten in Kauf nehmen müsste.
      Ich hatte erst kürzlich eine junge Frau vor mir sitzen, Studentin, neu in Köln, die sich nach einem geplatzten [lexicon]Kondom[/lexicon] am Wochenende in zig Krankenhäusern die Finger wund telefoniert hatte und immer wegen Zeitmangels aufgefordert wurde, es doch woanders zu versuchen.

      Montags erlebte sie bei Gynäkologen dasselbe Spiel. Deshalb lasse ich das Argument, dass Apothekern Zeit und Fachkompetenz fehlt für die Beratung, nicht gelten. In Notfall-Ambulanzen setzt sich auch am Wochenende kein Arzt zu einem ausführlichen Gespräch hin. Was mich wirklich ärgert, ist dass Mädchen und junge Frauen bis zu 20 Jahren immer noch ein Rezept vorlegen müssen, um die Pille erstattet zu bekommen. So wird ein unkomplizierter, barrierefreier Zugang weiterhin deutlich erschwert."

      Contra: "Gute Aufklärung ist wichtig"

      Dr. Christian Albring (62), Präsident des Bundesverbandes der Frauenärzte: "Wir Gynäkologen haben jahrelang gegen die rezeptfreie Pille gekämpft - leider vergeblich, wie sich jetzt zeigt. Warum? Deutschland hat die niedrigste Zahl der Schwangerschaftsabbrüche bei Jugendlichen in der gesamten EU - das ist sicherlich ein Verdienst guter Aufklärung und Beratung durch die Frauenärzte. Ob das so bleibt, wage ich zu bezweifeln.
      Denn ich frage Sie: Wie soll ein Apotheker nachts durch das Guckloch am Außenschalter eine Beratung führen? Wie soll er erkennen, ob die Frau im Parka vor ihm nicht über 75 Kilo wiegt, denn ab diesem Körpergewicht verlieren die kostengünstigeren Levonorgestrel-Präparate wie PiDaNa ihre Wirksamkeit.

      Aber ob das ein Apotheker nach einer 45-minütigen Schulung - so viel veranschlagt der Verband - überhaupt weiß? Wie soll er ohne Untersuchung oder genauer Befragung herausfinden, in welchem Zyklus-Bereich die Frau sich befindet? Und auch aus ethischer Sicht habe ich massive Bedenken: Denn bisher konnte durch das Rezept sichergestellt werden, dass keiner von Apotheke zu Apotheke fährt und mehrere Pillen hamstert.
      Bei Ulipristalacetet-Präparaten wie EllaOne zum Beispiel weiß man, dass die normale 30-Milligramm-Dosis kein Problem ist, in fünffacher Menge genommen doch zu einer Abtreibung - und damit verbunden zu lebensbedrohlichen Blutungen - führen kann."


      express.de/gesundheit/ab....,30108580.html?regio=2858
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      "Leide mit einem Lächeln"